Der Intelligenzquotient ist keine statische Persönlichkeitseigenschaft!
Auf Spiegel Online war heute zu lesen, dass sich der IQ von Jugendlichen stark verändern kann. Eigentlich eine selbstverständliche Aussage, könnte man denken, aber in der breiten Öffentlichkeit hat sich diese Erkenntnis noch nicht durchgesetzt. Wenn der Club der Hochbegabten, Mensa, ein einzelnes Testergebnis von 130+ zum Aufnahmekriterium macht, kann dieser Wert doch nicht (stark) schwankend sein.
Und diese Fehlannahme bzw. Fehlinterpretation von Testergebnissen hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir mit Menschen umgehen. Wer nach der vierte Klasse einer Schulform zugeordnet wird, hat – je nach Bundesland – einige Mühen auf sich zu nehmen, später doch noch einen höheren Schulabschluss zu absolvieren. Ein Schulwechsel von der Realschule auf das Gymnasium nach der achten Klasse? Außerdem kosten Testungen Geld. Warum soll man also einzelne Tests wiederholen lassen, wenn man doch ein Gutachten vorliegen hat, auf dessen Grundlage Kinder manchmal über Jahre hinweg eingeschätzt und betreut werden?
Dieses Thema werde ich auch in meiner Dissertation kommentieren – aber trotzdem schreie ich schon jetzt in die Welt hinaus: der Intelligenzquotient ist keine statische Persönlichkeitseigenschaft!
10.000 ist die neue 130
Wer sich wie ich wissenschaftlich mit dem Thema Hochbegabung beschäftigt, schaut natürlich immer genau hin, wenn in den Medien Beiträge zu diesem Thema publiziert werden. Diese Woche war es mal wieder soweit, denn zu Steve Jobs’ Tod huldigte DER SPIEGEL den Apple-Gründer als Genie. Und lieferte auch gleich einen Erklärungsversuch mit, warum ausgerechnet Jobs zum Genie wurde:
“Bill Gates, Bill Joy, Mozart und die Beatles haben mit Steve Jobs einiges gemeinsam: Sie lebten zur richtigen Zeit mit dem richtigen Talent am richtigen Ort. Sie bekamen die Gelegenheit zu üben. Exzessiv zu üben. (…) 10.000 frühe Trainingsstunden machen wahre Meister aus.”
Diese Aussage ist so allgemein, dass man ihr kaum widersprechen kann, fasst sie doch wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen, die so u.a. auch bei Prof. Dr. Albert Zielger zu finden sind. Bei der Anwendung dieser Erkenntnisse auf konkrete Beispiele erreicht der Autor seine Grenzen:
“Die Beatles bekamen Hamburg, sie spielten zwischen 1960 und 1962 an sieben Tagen pro Woche fünf oder mehr Stunden am Stück live auf der Bühne.”
Während die Medien einen IQ-Wert von 130 als geradezu natürlichen Grenzwert für Hochbegabung einer breiten Öffentlichkeit “eingehämmert” haben, beobachte ich eine ähnliche Entwicklung bei der 10.000-Stunden-Formel. Allerdings wird DER SPIEGEL so leicht keinen Wissenschaftler finden, der fünfstündige Live-Auftritte als geeigneten Übungsrahmen für die Weiterentwicklung der eigenen Leistungsfähigkeit bezeichnen würde. Denn bei Auftritten vor Publikum kommt es eben nicht auf die Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten, sondern ausschließlich auf das Wiederholen bereits erreichter Leistungen an. Natürlich werden diese Live-Auftritte geeignet gewesen sein, um Effekte wie Lampenfieber zu lindern, aber die Weiterentwicklung der handwerklichen Fähigkeiten der Musiker werden sie weniger dienlich gewesen sein.
Der Fall Breno und der neue Blickwinkel
Unter der Überschrift “Die Einsamkeit der Stars” berichtet die Frankfurter Allgemeinze Zeitung über die Vorkommnisse um den brasilianischen Fußballer Breno, der seit einigen Jahren in der Bundesliga beim FC Bayern München unter Vertrag steht und der verdächtigt wird, sein Haus angesteckt zu haben. Die öffentliche Diskussion über diesen Fall scheint einen wichtigen Aspekt der Begabungsförderung in die breite Öffentlichkeit zu tragen, auf den Begabungsforscher bereits länger hinweisen: Der Leistungsbereich, in dem die Hochbegabung erbracht wird, darf nicht isoliert betrachtet werden. Es gibt eben nicht diese Trennung, auf die häufig in den Medien hingewiesen wird, von “dem Menschen” und “dem Sportler”, sondern den hochbegabten Menschen mit allen Teilaspekten. Dazu gehört natürlich auch sein Umfeld, das begabungsgerecht gestaltet sein muss, damit er sich in seinem Leistungsbereich entwickeln und performen kann.
Diese Erkenntnis ist natürlich auch für die Bundesligisten nicht neu, wie die Etablierung von Nachwuchsleistungszentren und die Beschäftigung von professionellem Betreuungspersonal auch außerhalb des Platzes dokumentiert. Aber auch Spieler, die bereits als (junge) Erwachsene zu den Vereinen stoßen, und deren Umfeld müssen entsprechend gefördert werden. Denn eine entsprechende Investition in die Betreuung und Förderung dieser jungen Menschen auch abseits des Fußballplatzes dient vor allem dazu, die Leistungsfähigkeit des Spielers zu erhalten und zu steigern und damit die Investition in Ablösesummen und Gehälter abzusichern.
Der Weg der Begabungsförderung
„Der Weg, auf dem die Schwachen sich stärken, ist der gleiche wie der, auf dem die Starken sich vervollkommnen.“
Maria Montessori