10.000 ist die neue 130
Wer sich wie ich wissenschaftlich mit dem Thema Hochbegabung beschäftigt, schaut natürlich immer genau hin, wenn in den Medien Beiträge zu diesem Thema publiziert werden. Diese Woche war es mal wieder soweit, denn zu Steve Jobs’ Tod huldigte DER SPIEGEL den Apple-Gründer als Genie. Und lieferte auch gleich einen Erklärungsversuch mit, warum ausgerechnet Jobs zum Genie wurde:
“Bill Gates, Bill Joy, Mozart und die Beatles haben mit Steve Jobs einiges gemeinsam: Sie lebten zur richtigen Zeit mit dem richtigen Talent am richtigen Ort. Sie bekamen die Gelegenheit zu üben. Exzessiv zu üben. (…) 10.000 frühe Trainingsstunden machen wahre Meister aus.”
Diese Aussage ist so allgemein, dass man ihr kaum widersprechen kann, fasst sie doch wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen, die so u.a. auch bei Prof. Dr. Albert Zielger zu finden sind. Bei der Anwendung dieser Erkenntnisse auf konkrete Beispiele erreicht der Autor seine Grenzen:
“Die Beatles bekamen Hamburg, sie spielten zwischen 1960 und 1962 an sieben Tagen pro Woche fünf oder mehr Stunden am Stück live auf der Bühne.”
Während die Medien einen IQ-Wert von 130 als geradezu natürlichen Grenzwert für Hochbegabung einer breiten Öffentlichkeit “eingehämmert” haben, beobachte ich eine ähnliche Entwicklung bei der 10.000-Stunden-Formel. Allerdings wird DER SPIEGEL so leicht keinen Wissenschaftler finden, der fünfstündige Live-Auftritte als geeigneten Übungsrahmen für die Weiterentwicklung der eigenen Leistungsfähigkeit bezeichnen würde. Denn bei Auftritten vor Publikum kommt es eben nicht auf die Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten, sondern ausschließlich auf das Wiederholen bereits erreichter Leistungen an. Natürlich werden diese Live-Auftritte geeignet gewesen sein, um Effekte wie Lampenfieber zu lindern, aber die Weiterentwicklung der handwerklichen Fähigkeiten der Musiker werden sie weniger dienlich gewesen sein.