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Pädagogik in Nachwuchsleistungszentren

In einem Artikel der Fußballfachzeitschrift 11Freunde las ich folgendes Zitat, das eines der zentralen Probleme der Begabtenförderung im Sport auf den Punkt bringt:

“Wenn man etwas Tragisches sehen will, dann schnappt man sich ein 19 Jahre altes Kind und gibt ihm 50 Millionen Dollar.” – Mike Tyson

Die Bezeichnung Kind passt so gar nicht zu unseren Vorstellungen eines Hochleistungssportlers im besten Alter, der Verantwortung für seine persönliche Entwicklung, das Auskommen seiner Familie (und nicht selten für das seiner Freunde) und häufig genug auch noch die Zukunft eines ganzen Vereins trägt. Rund um die Uhr begutachtet von den Medien und aufmerksamen Fans, die jede Entscheidung kommentieren – auf und neben dem Platz.

Der Leiter eines Nachwuchsleistungszentrums in der Fußballbundesliga erklärte mir in einem persönlichen Gespräch den Auftrag des NLZ in Bezug auf die sportliche Förderung – und bat mich um eine Einschätzung des pädagogischen Auftrags. Der ergibt sich in erster Linie aus der besonderen Herausforderung, diese jungen Sportler auf dem Weg zu ihren persönlichen Zielen zu unterstützen und ihnen dabei in diesem extrem leistungsorientierten, vom normalen Leben der Gleichaltrigen so weit entfernten Umfeld das Bewusstsein dafür zu vermitteln, dass sie auch ohne ihre besondere Leistungsfähigkeit liebenswerte Menschen sind. Dass sie eben nicht (nur) um ihres persönlichen Erfolgs wegen gemocht werden. Sprich: Dafür Sorge zu tragen, dass die Entwicklung nicht allzu heterogen verläuft, denn eine gefestigte Persönlichkeit ist die optimale Grundlage, auf der Höchstleistung entstehen kann.

Deshalb sollte die sportliche Förderung und die pädagogische Betreuung der Nachwuchssportler mit unterschiedlicher Zielsetzung und – vor allem – durch unterschiedliche Personen stattfinden, denn der Trainer, der einen Sportler jeden Tag wieder aufgrund seiner sportlichen Fähigkeiten beurteilen muss, ist durch seinen eigentlichen Auftrag nicht die richtige Person für die Förderung der persönlichen Entwicklung abseits des Platzes. Er kann und muss diese effektiv unterstützen und ist sicherlich eine wichtige Bezugsperson für sie sozial-emotionale Entwicklung, aber er sollte sie nicht allein verantworten (müssen). Deutlich gesagt: Es muss auch innerhalb des NLZ einen geschützten Bereich geben, in dem die persönliche Leistung nicht an erster Stelle steht.

Denn neben den 19 Jahre alten Kindern, die plötzlich mit $50Mio umgehen lernen müssen, gibt es noch eine zweite Herausforderung in der Nachwuchsförderung: die 19 Jahre alten Kinder, denen niemals jemand Millionen gibt. Auch das kann tragisch werden.

Der Fall Breno und der neue Blickwinkel

Unter der Überschrift “Die Einsamkeit der Stars” berichtet die Frankfurter Allgemeinze Zeitung über die Vorkommnisse um den brasilianischen Fußballer Breno, der seit einigen Jahren in der Bundesliga beim FC Bayern München unter Vertrag steht und der verdächtigt wird, sein Haus angesteckt zu haben. Die öffentliche Diskussion über diesen Fall scheint einen wichtigen Aspekt der Begabungsförderung in die breite Öffentlichkeit zu tragen, auf den Begabungsforscher bereits länger hinweisen: Der Leistungsbereich, in dem die Hochbegabung erbracht wird, darf nicht isoliert betrachtet werden. Es gibt eben nicht diese Trennung, auf die häufig in den Medien hingewiesen wird, von “dem Menschen” und “dem Sportler”, sondern den hochbegabten Menschen mit allen Teilaspekten. Dazu gehört natürlich auch sein Umfeld, das begabungsgerecht gestaltet sein muss, damit er sich in seinem Leistungsbereich entwickeln und performen kann.

Diese Erkenntnis ist natürlich auch für die Bundesligisten nicht neu, wie die Etablierung von Nachwuchsleistungszentren und die Beschäftigung von professionellem Betreuungspersonal auch außerhalb des Platzes dokumentiert. Aber auch Spieler, die bereits als (junge) Erwachsene zu den Vereinen stoßen, und deren Umfeld müssen entsprechend gefördert werden. Denn eine entsprechende Investition in die Betreuung und Förderung dieser jungen Menschen auch abseits des Fußballplatzes dient vor allem dazu, die Leistungsfähigkeit des Spielers zu erhalten und zu steigern und damit die Investition in Ablösesummen und Gehälter abzusichern.

Niemand bringt freiwillig Höchstleistungen

“Exzellenz kann ich aus meinen Spielern nur rauskitzeln, wenn ich auch mal unangenehm sein kann. Ich glaube nicht, dass jemand freiwillig Höchstleistungen abliefert.”

Felix Magath, Fußballtrainer

Riesige Talente sind sie alle.

Eingefleischte Fußballfans kennen den Jobtitel BTT: Bundestorwarttrainer, erfunden vom längjährigen Torwarttrainer der Nationalmannschaft, Sepp Maier. Der aktuelle BTT, Andreas Köpke, ist selbst ehemaliger Nationaltorwart, Europameister und Welttorhüter 1996. Im Interview mit DFB.de äußert sich Köpke zu der Konkurrenzsituation der Nachwuchstorhüter in den Auswahlmannschaften des Deutschen Fußballbunds und in den Bundesligavereinen:

“Zum Kreis unserer U 21 gehören mit Kevin Trapp, Oliver Baumann und Marc-André ter Stegen drei aktuelle Bundesliga-Stammtorhüter. Die Öffentlichkeit schaut auf sie, die Fans wünschen sich, sie für Deutschland spielen zu sehen. Wir sollten diesen Talenten aber Zeit geben – die Zeit, sich weiterzuentwickeln. Wir tun ihnen nicht immer einen Gefallen, sie gleich ganz hoch zu handeln. Riesige Talente sind sie alle.”

Andreas Köpke präsentiert auch seine Erklärung für die Häufung an deutschen Nachwuchstorhütern, die in der Bundesliga eingesetzt werden:

Fußballintelligenz =/= Intelligenz

Ich habe gerade ein Interview der ZEIT mit Bundesligatrainer Peter Neururer von 2003 entdeckt.

ZEIT: Sollte der Intellektuellste in der Mannschaft stets Kapitän sein?

“Um Gottes willen! Ich habe mal einen Spieler gehabt, einen Kapitän, der war so was von dumm, der war dumm wie…dumm wie…”

ZEIT: …Brot?

“Ach, der hatte einen IQ, der so einzuordnen war wie die Temperaturen, die wir im Moment draußen haben, der war fast schon debil. Aber ein ü-ber-ra-gen-der Fußballer! Dem musste ich nichts erklären, der hat alles immer richtig gemacht. Intuitiv. Seine Fußballintelligenz war sensationell. Aber vom normalen Intellekt: katastrophal. Der hat gehupt, wenn er gegen einen Baum gefahren ist.”

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