Der kulturelle Filter
Leider komme ich derzeit selten dazu, etwas für den Blog zu schreiben, da ich mit Hochdruck an meiner Dissertation arbeite. Aber dieses “Experiment” fand ich zu bemerkenswert (im wahrsten Sinne des Wortes), um es hier nicht kurz darzustellen:
Joshua Bell, ein bekannter amerikanischer Violinist, hat sich in den Eingangsbereich einer U-Bahn-Station in Washington D.C. gestellt und musiziert. In 43 Minuten passierten exakt 1.097 Personen den Musiker, zumeist auf dem Weg zu ihrer Arbeit (Washington Post: “for almost all of them, a government job”), und warfen ca. $32 in seinen Geigenkasten, während der Künstler auf seiner $3.5 Mio teuren Stradivari u.a. Bachs “Chaconne” spielte, das als eines der anspruchsvollsten Violinenstücke überhaupt gilt.
Diese Widersprüche in der Aktion der Washington Post (hier ausführlichst beschrieben) begeistern mich. Denn unter den Pendlern waren sicherlich einige, die sich für klassische Musik begeistern und durchaus bereit sind, für ein Konzert mit Joshua Bell den üblichen Kartenpreis von $100 zu bezahlen.
Die Aktion soll uns daran erinnern, dass unsere Wahrnehmung von Begabung, Talent und Leistungsfähigkeit mannigfaltig beeinflusst wird. Die Menschen erwarten auf ihrem Weg zur Arbeit, in einer U-Bahn-Station und von einem Straßenmusikanten keine musikalische Darbietung von derartiger Qualität und erkennen sie deshalb auch nicht.
In Vorträgen zum Thema Hochbegabung führe ich regelmäßig das Beispiel des besonders begabten Zuwanderers an, der vielleicht ein Instrument spielt oder eine Sportart beherrscht, das uns nicht bekannt ist oder für die wir uns nicht interessieren. Das bedeutet nicht, dass die Begabung dieses Menschen weniger bestechend ist, nur weil er nun in einem anderen Land lebt.
Wir nehmen die Welt um uns herum in einem kulturellen Filter wahr, den wir uns bewusst machen müssen, wenn wir Zuwanderer und deren Kinder tatsächlich “als Talentreserve” aktivieren möchten – und wenn man die Publikationen der Sportverbände oder Interviews von Bildungspolitikern aufmerksam liest, besteht ein breites Interesse daran.
Ich möchte gerne meinen Anteil dazu leisten – und arbeite deshalb jetzt an meiner Dissertation weiter.
Große Nichtentdecker I: Tante Mimi
Nicht selten haben Hochbegabte es ganz bestimmten Personen zu verdanken, dass ihre Begabungen entdeckt und gefördert wurden. Wenn der Hochbegabte eine Person des öffentlichen Lebens ist, rücken dessen Förderer häufig ebenfalls in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Insbesondere erfolgreiche Fußballer erzählen häufig von ihren Entdeckern – oder es melden sich gleich mehrere Personen zu Wort, die das besondere Talent zuerst entdeckt haben wollen.
In diesem Blog möchte ich aber auch von Beispielen berichten, wo Talente nicht (sofort) entdeckt wurden. 