Linsanity und die Talentreserve
Denken Sie bitte kurz darüber nach, was sich in Ihrem Berufsleben seit dem 4. Februar 2012 getan hat. Sind Sie vielleicht von einem Sachbearbeiter, dessen Fähigkeiten nur selten gebraucht wurden, in die erste Reihe Ihres global operierenden Konzerns aufgestiegen, ohne den nun keine Entscheidung mehr getroffen wird? Ist es nun an Ihnen, die nächsten Arbeitsaufträge an Ihre Kollegen zu delegieren? Wenn das auf Ihren beruflichen Werdegang in den letzten Wochen nicht zutrifft, sind Sie definitiv nicht Jeremy Lin.
Zugegeben: Der Vergleich hinkt ein wenig, da Lin bereits vor dem 4. Februar 2012 zu den zwölf Spielern im Kader der New York Knicks gehörte. Dennoch ist sein Karriereverlauf seit diesem Tag einzigartig: War er vorher ein Ergänzungsspieler vom Ende der Bank, der in seiner zweiten Spielzeit in der stärksten Basketballliga der Welt schon mal sechs, manchmal aber auch nur zwei Minuten Einsatzzeit bekam (von 48), stand Lin seit dem Spiel gegen die New Jersey Nets am Abend des 4. Februar 2012 in keiner Partie weniger als 24 Minuten auf dem Feld (Stand: 26.03.2012). Und er entscheidet in diesen Minuten als Aufbauspieler nicht nur, welcher seiner Mitspieler den nächsten Wurf nimmt, sondern versenkt die wichtigen Bälle inzwischen auch selbst:
Wie aber konnte es dazu kommen, dass ein unbekannter Spieler derart ins Rampenlicht rückt? Kurzfristig brauchte es – wie so häufig im Sport – die Verletzung anderer Spieler, damit Lin die Möglichkeit erhielt, seine Leistungsfähigkeit unter Wettkampfbedingungen unter Beweis zu stellen. Galt die wichtige Spielmacherposition bis zum Februar als die große Schwäche der Knicks, hatte das Team praktisch über Nacht einen akzeptablen Point Guard: Jeremy Lin. Der Big Apple, Sportfans in Amerika und auf der ganzen Welt zeigten sich begeistert. Die gesamte Entwicklung wurde von der örtlichen Presse in einem Wort zusammengefasst: LINSANITY!
Aus Sicht der Begabungsforschung möchte ich zwei Aspekte dieses modernen Märchens herausheben:
Der kulturelle Filter – schon wieder!
Erst in der letzten Woche hatte ich hier im Blog das Phänomen des kulturellen Filters beschrieben, der unsere Wahrnehmung beeinflusst und häufig das Wesentliche unkenntlich macht. Das gilt auch in diesem Fall, denn Jeremy Lin entsprach nicht den Vorstellungen, die wir – und auch die Trainer, Scouts und Sportexperten – von einem Point Guard oder überhaupt von einem Spieler in der NBA haben: ein asiatisch-amerikanischer Absolvent der Havard-Universität.
Begabte Minoritäten
Mein Promotionsvorhaben widmet sich der Frage, wie hochbegabte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in den Einrichtungen der stationären Erziehungshilfe (“in Heimen”) adäquat gefördert werden können. Viele interessante Anregungen habe ich den Texten entnommen, die Margrit Stamm zur schwierigen Situation von Randgruppen und Minderheiten geschrieben hat, denen häufig pauschal die Fähigkeit abgesprochen wird, überdurchschnittliche Fähigkeiten zu besitzen oder entwickeln zu können. Daher möchte ich dieser Stelle eines ihrer Bücher empfehlen. 
